Wolf Krämer-Mandeau und Dr. Birgit Deckers von der biregio GbR stellten die Empfehlungen vor. Foto: Ilka Kühn

Landkreis Eichsfeld. Die Schullandschaft im Landkreis Eichsfeld könnte sich in den kommenden Jahren erheblich verändern. Sinkende Geburtenzahlen und damit deutlich weniger Schüler zwingen den Landkreis, sein Schulnetz neu zu ordnen. Die jetzt vorgestellte Schulnetzplanung reicht mit ihren Prognosen bis zum Schuljahr 2032/33 und enthält weitreichende Empfehlungen: Grundschulen sollen zusammengelegt oder aufgelöst, Regelschulen fusioniert und vorhandene Gebäude künftig anders genutzt werden.

Landrätin Dr. Marion Frant stellte die Ergebnisse gemeinsam mit Wolf Krämer-Mandeau und Dr. Birgit Deckers von der biregio GbR vor. Das Beratungsbüro hat die Entwicklung der Schülerzahlen untersucht und die Handlungsempfehlungen mit erarbeitet.Dabei betonten die Beteiligten mehrfach: Noch handelt es sich nicht um Beschlüsse. Die Vorschläge sollen Grundlage für die weiteren Beratungen mit Kommunen, Schulen, Eltern und den zuständigen Gremien sein. Foto: Ilka Kühn

Der Blick auf die Zahlen erklärt allerdings, warum der Landkreis handeln muss. Im Schuljahr 2023/24 wurden im Eichsfeld noch rund 1.150 Kinder eingeschult. Für 2032/33 werden nur noch 565 Einschulungen prognostiziert. Das entspricht einem Rückgang um rund 51 Prozent.

Besonders stark fällt das Minus in einzelnen Regionen aus. Für den Bereich Worbis wird ein Rückgang von 342 auf 149 Schulanfänger prognostiziert – rund 56 Prozent. Im Raum Leinefelde sinkt die Zahl von 180 auf 85, das entspricht 53 Prozent. Im Bereich Heiligenstadt geht die Zahl von 341 auf 209 zurück, rund 39 Prozent. Für Dingelstädt werden statt 287 nur noch 122 Schulanfänger erwartet – ein Minus von etwa 57 Prozent.

Würde das heutige Grundschulnetz unverändert bestehen bleiben, würden sich die 565 Schulanfänger im Jahr 2032/33 rechnerisch auf 32 Grundschulen verteilen. Das wären durchschnittlich nur noch etwa 18 Kinder pro Schule. Bei den weiterführenden Schulen ergäben sich bei 22 Standorten rechnerisch etwa 26 Schüler pro Schule.

Konkrete Vorschläge für zahlreiche Orte

Die Empfehlungen von biregio greifen deshalb tief in die bestehende Schullandschaft ein.

Für Wingerode wird vorgeschlagen, die Grundschule aufzulösen. Die Kinder aus Wingerode sollen künftig nach Bodenrode gehen. Für Schüler aus Beuren werden Leinefelde beziehungsweise die Montessori-Schule in Beuren als Möglichkeiten genannt.

Die Grundschulen Berlingerode und Teistungen sollen am Standort Teistungen zusammengeführt werden. Die frei werdenden Räume in Berlingerode könnten von der dortigen Regelschule übernommen werden.

Die Grundschule Pfaffschwende soll nach den Empfehlungen ebenfalls aufgegeben werden. Die Schüler würden künftig die Grundschule in Geismar besuchen.

Größere Veränderungen sind auch für Breitenworbis und Niederorschel vorgesehen. Die Grundschule Breitenworbis soll aufgelöst werden, die Kinder sollen nach Niederorschel wechseln. Gleichzeitig ist gewissermaßen der umgekehrte Weg für die weiterführende Schule vorgesehen: Die Regelschule Niederorschel soll aufgelöst werden, ihre Schüler sollen künftig die Regelschule in Breitenworbis besuchen.

Auch die Grundschule Kirchworbis steht zur Disposition. Die Kinder aus Kirchworbis sollen nach Worbis wechseln. Für Bernterode ist Niederorschel vorgesehen.

Die Grundschulen Deuna und Gerterode sollen zunächst bestehen bleiben. Sollten die Schülerzahlen weiter zurückgehen, könnte später auch hier eine Neuordnung in Richtung Niederorschel erforderlich werden.

Für Hüpstedt sieht die Planung die Auflösung der Thüringer Gemeinschaftsschule vor. Die Klassen sollen von der Grundschule beziehungsweise der Regelschule Dingelstädt übernommen werden. Übergangsweise könnte in Hüpfstedt ein Teilstandort der Grundschule Dingelstädt bestehen bleiben.

Auch die Grundschule Gerbershausen soll nach der Empfehlung geschlossen werden. Die Kinder würden auf die Grundschulen Rustenfelde und Wüstheuterode verteilt.

Küllstedt und Struth vor größeren Veränderungen

In Küllstedt wird vorgeschlagen, die Grundschule aufzulösen. Die Kinder sollen künftig überwiegend die Grundschule Bickenriede besuchen. Für Wachstedt ist eine Zuordnung zum Einzugsbereich der Grundschule Dingelstädt vorgesehen. Die Regelschule Küllstedt könnte anschließend Räume der bisherigen Grundschule übernehmen. In Bickenriede wären dafür allerdings Baumaßnahmen erforderlich.

Auch die Thüringer Gemeinschaftsschule Struth soll in ihrer bisherigen Form aufgelöst werden. Die Primarstufe könnte zunächst als Grundschule Struth – mit einer Außenstelle in Effelder – weitergeführt werden. Die Schüler der Sekundarstufe sollen künftig die Regelschule Küllstedt besuchen.

Für Weißenborn wird die Auflösung der Grundschule zugunsten der Schulen in Brehme und Großbodungen empfohlen.

Auch Leinefelde ist von der Neuordnung betroffen

In Leinefelde geht es dagegen nicht um die Schließung des Grundschulstandortes insgesamt, sondern um eine Konzentration.

Die beiden Grundschulen sollen am Standort der Konrad-Hentrich-Schule zusammengeführt werden. Gleichzeitig ist vorgesehen, die Regelschulen am Standort der Johann-Carl-Fuhlrott-Schule zu fusionieren. Damit blieben in Leinefelde sowohl Grundschule als auch Regelschule erhalten, allerdings jeweils gebündelt an einem Standort.

Auch für Siemerode sieht die Planung Veränderungen vor. Die dortige Grundschule soll aufgelöst werden; die Schüler sollen künftig Schulen in Heiligenstadt besuchen.

Neuordnung auch in Heiligenstadt

In Heiligenstadt selbst sollen die Grundschulen Lorenz Kellner und Tilman Riemenschneider zusammengeführt werden. Vorgesehen ist dafür der Standort der Lorenz-Kellner-Schule.

Bei den Regelschulen ist ebenfalls eine Fusion vorgesehen – hier am Standort der Tilman-Riemenschneider-Schule.

Darüber hinaus spielen die vorhandenen Gebäude eine wichtige Rolle. Die Planer sehen Möglichkeiten, Räume neu zu verteilen und auch dem Gymnasium zusätzliche Kapazitäten zur Verfügung zu stellen.

Gerade bei den weiterführenden Schulen zeigte die Untersuchung zudem, dass sich die Nachfrage sehr unterschiedlich verteilt. Gymnasium und Regelschulen in Heiligenstadt verzeichnen gemeinsam mehr als 100 Anmeldungen über ihre Kapazitäten hinaus. Auch in Leinefelde gibt es entsprechende Verschiebungen. Deshalb wird künftig nicht nur die Zahl der Schüler, sondern auch deren Verteilung zwischen den Schularten und Standorten eine Rolle spielen.

Nicht allein die Schülerzahl entscheidet

Die Schulnetzplanung orientiert sich allerdings nicht ausschließlich an Einwohner- und Schülerzahlen. Berücksichtigt wurden unter anderem die Sicherung von Lehrerstellen, die Qualität der Betreuung, pädagogische Gesichtspunkte, Mindestschülerzahlen, zumutbare Schulwege, das Essensangebot sowie Zustand und Größe der Schulgebäude.

Auch die räumliche Ausstattung wurde bewertet. Dabei geht es um Klassenräume, Fachräume, Betreuungsmöglichkeiten sowie notwendige Investitionen und Sanierungen.

Der Landkreis verweist zudem darauf, dass bei der Planung private Schulen und deren Angebote berücksichtigt werden müssen. Ebenso fließt der geplante Umzug der Bergschule von Heiligenstadt nach Leinefelde in die Betrachtungen ein.

Im August wurden gemeinsam mit biregio ausgewählte Schulen besucht, um die tatsächliche Umsetzbarkeit einzelner Vorschläge und mögliche Alternativen vor Ort zu prüfen.

Grundschulen sollen gestärkt werden

Trotz der langen Liste möglicher Schließungen sieht biregio in der Neuordnung auch Chancen. Verbleibende Grundschulen könnten durch größere Schülerzahlen stabilisiert und Lehrerstellen besser gesichert werden. Regelschulen könnten gestärkt und räumlich so ausgestattet werden, dass sich daraus langfristig auch Gemeinschaftsschulen entwickeln könnten.

Weitere Vorteile sehen die Planer in einer stärkeren Konzentration von Fachräumen, einer besseren Nutzung vorhandener Gebäude und in geringeren Sanierungs- und Betriebskosten.

Für die nächsten Jahre sollen dennoch Alternativen offenbleiben. Nach Angaben des Landkreises bestehen bis etwa 2035 noch keine endgültigen Beschlüsse. Auch das Staatliche Schulamt, Fachämter, Schulen und andere betroffene Einrichtungen sollen weiterhin in das Verfahren einbezogen werden. Seit einem halben Jahr werden bereits Gespräche geführt mit Verantwortlichen der Schulen und Städte und Gemeinden. Landrätin Dr. Marion Frant betonte, dass die Empfehlungen in den nächsten Wochen weiter beraten und in diesem Jahr noch dem Kreistag vorgelegt werden.

Fest steht aber bereits jetzt: Bleiben die prognostizierten Schülerzahlen auch nur annähernd so niedrig wie erwartet, wird die Schullandschaft im Eichsfeld in zehn Jahren eine andere sein als heute.