Weihbischof Hauke zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

Weihbischof Dr. Reinhard Hauke (Erfurt), der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für die Seelsorge für Menschen mit Behinderung, schreibt zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai 2022 an Katholikinnen und Katholiken mit Behinderung, deren Angehörige sowie an alle, die sich um Menschen mit Behinderung sorgen. Dabei macht er auf ihre besondere Lage in der Pandemie aufmerksam. Wir dokumentieren den Brief im Wortlaut:

„Liebe Schwestern und Brüder,

am 5. Mai jährt sich zum dreißigsten Mal der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Gerade in Zeiten, die einerseits von Krieg und Unsicherheit überschattet werden und andererseits nach vermeintlich überstandener Pandemie neue alte Freiheiten versprechen, liegt es an uns Christinnen und Christen, der Stimme des Protests Gehör zu schenken.

Menschen mit Behinderung waren von den Auswirkungen der Corona-Pandemie stark betroffen und sind es immer noch. Während viele von uns sich über die wiedergewonnenen Selbstverständlichkeiten des Alltags freuen dürfen, ist die Lage in den Einrichtungen der Behindertenhilfe nach wie vor besorgniserregend: seien es Vor- und Mehrfacherkrankungen, die eine potenzielle Ansteckung weiterhin zu einem Risiko für Leib und Leben werden lassen oder auch das Gefühl der Angst – gerade in Zeiten eines Krieges, der sich unweit von uns abspielt –, das vielen Bewohnerinnen und Bewohnern schwer auf der Seele lastet. Aber: Hören wir die Stimme des Protests dieser Menschen?

Wo sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behindertenhilfe in den rund drei Jahren der Pandemie aufopferungsvoll für Menschen mit Behinderung stark gemacht haben, ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte hatten, haben mittlerweile viele von ihnen entkräftet aufgegeben. Sowohl Beschäftigte als auch Verantwortliche in der Behindertenhilfe beklagen spätestens seit Ausbruch der Pandemie einen Fachkräftemangel. Hören wir die Stimme des Protests dieser Menschen?

Die biblische Erzählung der Heilung des blinden Bartimäus (Lk 18,35–43; Mt 20,29‒34; Mk 10,46‒52) zeigt uns am Beispiel Jesu, wie wir die Stimme des Protests ernst nehmen und angemessen darauf antworten können: Der blinde Bartimäus sitzt am Wegesrand nahe Jericho und bittet um Geld, da er aufgrund seiner Beeinträchtigung nicht durch einen Beruf für sein Auskommen sorgen kann. Als sich Jesus inmitten einer großen Menschenmenge der Stadt nähert, ruft Bartimäus nach ihm: ‚Jesus! Sohn Davids, erbarme dich meiner!‘ Trotz aller Versuche, Bartimäus zum Schweigen zu bringen, hört Jesus inmitten der vielen Menschen die Stimme des Bartimäus, bittet ihn zu sich und fragt: ‚Was willst du, dass ich dir tue?‘

Zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung zeigt uns die biblische Erzählung wichtige Perspektiven für die Inklusion von Menschen mit Behinderung: Hinhören, auch wenn die Stimmen leise sein mögen. Ins Gespräch kommen, auch wenn die Umstände erschwerend sind. Und nach den Bedürfnissen fragen, die Menschen mit Behinderung äußern. In diesem Sinne bitte ich Sie an diesem Tag: Hören Sie die Stimme des Protests von Menschen mit Behinderung und jener, die sich um ihr Wohl sorgen!“

Hintergrund

Der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung findet jährlich am 5. Mai statt. Er wurde 1992 von den Interessenvertretungen Selbstbestimmt Leben Deutschland (ISL) ins Leben gerufen. Ziel des Tages ist es, die für eine Gleichstellung behinderter Menschen erforderliche rechtliche Grundlage zu schaffen. Der 5. Mai wurde gewählt, da an diesem Datum auch der Europatag des Europarates stattfindet und damit unterstrichen werden soll, dass alle Menschen europaweit gleichgestellt sein sollen. Das diesjährige Motto lautet: „Tempo machen für Inklusion – barrierefrei zum Ziel!“.

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