Priestermangel – Familienvater übernimmt

St. Josef in Erfurt ist ab September die erste Pfarrei im Bistum Erfurt, die von keinem Priester geleitet wird. Statt eines Pfarrers gibt es dann einen Pfarrbeauftragten als Gemeindeleiter.

Mathias Kugler wird Pfarrbeauftragter in Erfurt. Foto: Peter Weidemann

Dabei handelt es sich um Mathias Kugler (35), der zurzeit noch in der Gemeindeseelsorge in Saalfeld arbeitet und als Regionaljugendreferent das „Centro“ für offene Kinder- und Jugendarbeit in Rudolstadt-Schwarza leitet. Mathias Kugler ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Als Pfarrbeauftragter wird er in St. Josef der erste Ansprechpartner in Sachen Seelsorge, Gemeindeleben und Gottesdienste sein und gemeinsam mit dem Kirchenvorstand die Verwaltung und Finanzen der Pfarrei verantworten.

Freilich geht es nicht ganz ohne Priester. Mathias Kugler wurde zwar 2019 zum Diakon geweiht und darf als solcher auch taufen und bei kirchlichen Eheschließungen assistieren. Doch die Leitung einer heiligen Messe und die Spendung von Sakramenten wie die Beichte und die Krankensalbung setzen die Priesterweihe voraus. Darum steht dem Pfarrbeauftragten Kugler ein sogenannter geistlicher Koordinator zur Seite. Das wird Johannes Kienemund aus Gispersleben sein, der 2016 zum Priester geweiht wurde und gerade eine theologische Doktorarbeit schreibt.

Anlass für die Neuordnung ist der im September beginnende Ruhestand von Pfarrer Wolfgang Schönefeld, der im Frühjahr das 68. Lebensjahr vollendet. Durch sein Ausscheiden aus dem aktiven Dienst gibt es nicht mehr genug Priester, um alle 33 Pfarrerstellen im Bistum zu besetzen. Bischof Ulrich Neymeyr sieht darum für St. Josef keine andere Möglichkeit, als neue Wege zu beschreiten, zumal die Zahl von momentan sechs Priesterkandidaten keine absehbare Trendwende erkennen lässt. Zum Bistum Erfurt gehören aktuell 60 Priester im aktiven Dienst, von denen 50 in einer Kirchengemeinde arbeiten, 33 davon als leitender Pfarrer. Die anderen zehn Priester sind in der sogenannten Kategorialseelsorge tätig, zum Beispiel als Krankenhaus-, Polizei- oder Schulseelsorger.

„Wir haben uns umgesehen, wie andere Bistümer mit der immer kleiner werdenden Priesterschaft umgehen, und lehnen unsere Lösung für St. Josef an ein Modell des Bistums Osnabrück an“, sagt der Bischof. Weil sich ein Priester demnach nicht mehr um die Leitungsaufgaben in Seelsorge und Verwaltung einer Pfarrei kümmern muss, kann er als geistlicher Koordinator entweder in mehr als einer Pfarrgemeinde arbeiten oder eine zusätzliche Aufgabe übernehmen. Neymeyr denkt dabei beispielsweise an die außergemeindliche Seelsorge, aber auch an Tätigkeiten innerhalb der theologischen Forschung.

Sollte sich das neue Konzept durchsetzen, böte die Stelle eines Pfarrbeauftragten nicht nur Männern, sondern auch Frauen die Möglichkeit, in leitender Funktion in der Gemeindeseelsorge zu wirken. Bischof Neymeyr sieht im neuen Modell mehr Chancen als Risiken und will das Experiment wagen. „Es ist vielleicht noch nicht die Lösung schlechthin, aber wir versuchen es erst einmal. Das soll uns aber nicht davon abhalten, über Alternativen nachzudenken“, meint der Erfurter Oberhirte. Gute Vorschläge seien ihm immer willkommen. Dazu sucht er auch das Gespräch mit seinen Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Denn „Zukunft will gestaltet werden“, so der Bischof.

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