Weltpremiere am 2. Oktober im Simsonwerk in Suhl

Suhl/Leinefelde. Simson ist für viele weit mehr als ein Moped. Es sind Erinnerungen an Jugend, Freiheit, Arbeit, Schrauben, Ausfahrten – und an ein Stück ostdeutscher Geschichte. Genau darum geht es in einem ungewöhnlichen Theaterprojekt, das Anfang Oktober dort Premiere feiert, wo diese Geschichte tatsächlich geschrieben wurde: im ehemaligen Simson-Werk in Suhl.

Und auch aus Leinefelde ist jemand unmittelbar an dem Projekt beteiligt: Tim Krchov. Vielen ist der junge Foto- und Videograf längst durch seine Arbeiten bekannt. Seit Jahren begleitet er Veranstaltungen, Konzerte, Marken und Menschen und erzählt ihre Geschichten mit Bildern und Filmen.
Foto: Privat
Über seine Freundschaft mit Regisseur Janek Liebetruth kam die Anfrage, auch „FREIHEIT:SIMSON“ zu begleiten. Tim Krchov übernimmt die Dokumentation des Projektes und wird daraus im Anschluss einen etwa halbstündigen Film entwickeln.
Gerade der Bezug ins Eichsfeld liegt dabei auf der Hand. Tim weiß, wie groß die Simson-Szene auch hier ist. Treffen, Ausfahrten und Veranstaltungen zeigen immer wieder, dass längst nicht nur diejenigen an den alten Zweitaktern hängen, die selbst noch mit ihnen aufgewachsen sind. Gerade unter jungen Leuten haben Schwalbe, S50, S51 und Co. wieder eine enorme Fangemeinde.
Am 2. Oktober 2026 wird im alten Kultursaal des ehemaligen Simson-Werkes „FREIHEIT:SIMSON“ uraufgeführt. Zehn Vorstellungen sind geplant. Rund 240 Besucher finden jeweils Platz. Jahrzehntelang wurde der Saal für Versammlungen, Betriebsfeste und Tanz genutzt. Nun wird er für wenige Wochen wieder zum Treffpunkt – diesmal für ein Stück über die Menschen, die mit Simson verbunden waren und sind.
Das Besondere: „FREIHEIT:SIMSON“ ist Dokumentartheater. Grundlage sind mehr als 140 Interviews mit Menschen aus Suhl und Thüringen sowie historische Dokumente. Ehemalige Beschäftigte kommen darin ebenso zu Wort wie junge Simson-Fahrer von heute. Die jüngste Gesprächspartnerin wurde 2010 geboren, der älteste 1937.
Die Recherche begann bereits im August 2025. Seit Anfang dieses Jahres ist das Team regelmäßig in Suhl unterwegs. Es gab Erinnerungsrundgänge über das ehemalige Werksgelände, Erzählcafés und viele persönliche Gespräche. Dabei geht es nicht um einen nostalgischen Rückblick. Die Stimmen widersprechen sich ganz bewusst. Für die einen bedeutete Simson Freiheit, für andere schlicht Arbeit und Alltag. Eine Stimme sagt: „Das war die große Freiheit.“ Eine andere hält dagegen: „Ich habe Simson nie mit Freiheit zusammengeschmissen. Das war mein Arbeitsplatz.“
Auch die wechselvolle Geschichte des Unternehmens wird nicht ausgespart: von der Gründung 1856 über die Enteignung der jüdischen Unternehmerfamilie Simson während der NS-Zeit, Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit bis hin zum volkseigenen Betrieb mit zeitweise rund 15.000 Beschäftigten und zur Abwicklung durch die Treuhand 1993.
Auf der Bühne begegnen sich unter anderem eine Betriebsärztin, eine Betriebsrätin, eine Facharbeiterin, ein Werksfahrer, ein Direktor und ein Anschlussbahner. Auch ehemalige Vertragsarbeiter aus Mosambik und Kuba kommen zu Wort. In der Gegenwart treffen schließlich eine junge linke Simson-Fahrerin und ein rechter junger Fahrschüler aufeinander.
So stellt das Stück auch eine Frage, die bis heute aktuell ist: Wem gehört eigentlich die Geschichte von Simson? Der Familie, die das Werk gründete und verlor? Den Tausenden, die dort jahrzehntelang gearbeitet haben? Oder auch den jungen Menschen, die heute Schwalbe, S51 und Co. fahren, obwohl sie das damalige Werk nie erlebt haben?
Regisseur Janek Liebetruth und Autor Aron Boks haben für das Projekt ein sechsköpfiges Ensemble zusammengestellt. Mit dabei ist unter anderem Richard Sammel, bekannt aus internationalen Produktionen wie „Inglourious Basterds“, „Casino Royale“ und „Star Wars: Andor“. Außerdem spielen Anne Lebinsky, Gerrit Neuhaus, Chenoa North-Harder, Karl Schaper und Irina Wrona.
Auch formal bleibt das Stück der Simson treu: Die Akte tragen Bezeichnungen aus dem Arbeitsablauf eines Zweitaktmotors.
Und der historische Kultursaal selbst wird Teil der Inszenierung. Es gibt keine klassische Theaterkulisse. Licht, Video und Projektionen sollen nach und nach den Raum sichtbar machen, in dem einst Tausende junge Menschen ihren Berufsweg begannen, Versammlungen erlebten und ihre ersten Feste feierten.
Die Uraufführung von „FREIHEIT:SIMSON“ findet am Freitag, 2. Oktober, um 18.30 Uhr statt. Weitere Vorstellungen gibt es am 3., 4., 8., 9., 16., 17. und 18. Oktober jeweils um 18.30 Uhr sowie am 7. und 19. Oktober um 10.30 Uhr.
Gespielt wird im Kultursaal im Gebäude UH auf dem GESA-Gelände, Simsonstraße 9 in Suhl.
Karten kosten 35 Euro, ermäßigt 15 Euro, und sind über freiheitsimson.de sowie bei der Tourist-Information im Congress Centrum Suhl erhältlich.
Vielleicht ist gerade dieser Ort das Besondere an dem Projekt: Die Geschichte der Simson kehrt nicht nur auf eine Bühne zurück – sondern dorthin, wo sie jahrzehntelang zum Alltag Tausender Menschen gehörte. Und mit Tim Krchov ist auch ein Stück Eichsfeld dabei.
Ilka Kühn

