30 Kilometer Tunnel. Durch ein Mittelgebirge. Für eine Stunde Fahrzeit zwischen Dresden und Prag. Man muss sich das erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Während andernorts Brücken gesperrt, Regionalstrecken ausgedünnt und Bahnhöfe vernachlässigt werden, soll hier eines der größten Infrastrukturprojekte Mitteleuropas entstehen – ein Prestigeprojekt, verpackt in die schöne Formel vom „Zusammenwachsen Europas“.

Natürlich klingt das alles beeindruckend: Hochgeschwindigkeitskorridor Berlin–Prag–Wien. Entlastung des Elbtals. Weniger Lärm. Mehr Tempo. Mehr Europa. Wer wollte da widersprechen?

Aber genau hier beginnt die eigentliche Debatte.

Ein 30 Kilometer langer Tunnel durch das Erzgebirge ist kein normales Bauvorhaben. Das ist ein Jahrhundertprojekt mit unkalkulierbaren Risiken. Geologie, Kostenexplosion, Bauzeit, Umweltfolgen – all das wird in Pressemitteilungen elegant umschifft. Man spricht von „Meilensteinen“ und „Vorplanung“, nicht von Milliardenbeträgen und jahrzehntelangen Baustellen.

Und während der Bundestag nun „mitbefassen“ darf, bleibt eine Frage offen:
Wer priorisiert eigentlich noch die tägliche Realität der Pendler?

Die Bestandsstrecke im Elbtal ist überlastet – ja. Aber ist die Antwort wirklich ein gigantischer Tunnel? Oder wäre eine gezielte Modernisierung, Digitalisierung und Kapazitätserweiterung der vorhandenen Infrastruktur sinnvoller, schneller und ehrlicher?

Hier entsteht der Eindruck, dass Geschwindigkeit über Vernunft gestellt wird. Eine Stunde von Dresden nach Prag – das klingt spektakulär. Aber wie viele Menschen fahren diese Strecke täglich? Und wie viele kämpfen gleichzeitig mit verspäteten Regionalbahnen im ländlichen Raum?

Es geht nicht darum, internationale Verbindungen kleinzureden. Europa braucht funktionierende Schienenachsen. Aber Großprojekte dieser Dimension dürfen nicht zur politischen Symbolarchitektur werden.

Denn eines ist klar:
Solche Vorhaben werden selten günstiger. Sie werden selten schneller fertig. Und sie binden enorme finanzielle Mittel – Mittel, die anderswo fehlen.

Ein Tunnel durchs Erzgebirge mag technisch faszinierend sein.
Die entscheidende Frage ist aber: Ist er verkehrspolitisch klug – oder vor allem politisch attraktiv?

Darüber sollte der Bundestag nicht nur „mitbefassen“, sondern kritisch entscheiden.Und da wäre ja noch die Zerstörung der Umwelt…..

Ilka Kühn