Heute ist Aschermittwoch. Die Fastenzeit nach den üppigen Karnevalsfeiern beginnt. Doch worum geht es in der Fastenzeit überhaupt? Diese Frage beantwortet heute Pfarrer Dr. Robert Nandkisore aus Eltville:

Von Paulus hörten wir eben: „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung“ (2 Kor, 6,2). Nehmen wir es so, wie es da steht: genau darum geht es!

Das heutige Evangelium stammt mitten aus der Bergpredigt, dem
„Grundsatzprogramm“ Jesu. Sich für die Fastenzeit als Lektüre nichts anderes als
diese Worte vorzunehmen, wäre lohnend! Jesus beginnt Sein öffentliches Auftreten
mit: „Kehrt um – denkt um – Metanoia!“ Darum geht es in der Fastenzeit: um ein
Umdenken. Um das Lernen, so zu denken wie Jesus.

In der frühen Kirche wurden die Taufbewerber mehrere Jahre auf die Taufe, die sie in
der Osternacht empfingen, vorbereitet. Da ging – da geht! – es nicht in erster Linie
um ein Wissen. Da ging – und geht – es um das Erlernen einer Lebenshaltung. Ein
neuer Lebensstil sollte eingeübt werden – und dieser Stil orientiert sich an Christus.
Klar, denn wir heißen ja „Christen“!

In der Regel wurden wir als Kinder, als Säuglinge getauft – im guten Glauben
unserer Eltern. Das führte aber dazu, dass wir uns oft gar nicht ausdrücklich für den
Glauben entschieden haben. Wir sind da hineingewachsen, haben uns mehr, mal
weniger dafür interessiert: Wir empfinden diese Gottesdienste als schön, andere als
langweilig, nehmen diese oder jene kirchliche Position ein, verstehen uns als modern
oder konservativ … Aber eine eindeutige Entscheidung, die eine Schwelle markiert,
ein Vorher und ein Nachher, das ereignet sich nicht oft.

Fastenzeit – worum geht es da? Wir können diese Zeit tatsächlich als eine solche
neue Entscheidungszeit verstehen, uns fragen und hoffentlich auch dazu ermutigen,
die Lebenshaltung Christi einzunehmen.

Dabei geht es nicht einfach nur darum, Christus nachzuahmen. Sondern viel tiefer:
Wirklich ICH zu werden, die Person, als die ich von Gott erdacht und erschaffen
worden bin!

Direkt vor unserem heutigen Evangelium steht der Satz: „Ihr sollt also vollkommen
sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48) und er schließt das Wort Jesu
über die Liebe zu den Feinden ab. „Vollkommen“, das meint nicht „perfekt“, sondern
der, der ich wirklich bin, derjenige also, dem es in die Wiege gelegt wurde, sich so zu
entwickeln – wenn eben nicht etwas dazwischenkommt! Das, was
dazwischenkommt, nennt die religiöse Sprache „Sünde“, die Absonderung von Gott,
von Seiner Idee für mich!

Jetzt ist die Zeit der Gnade – jetzt ist die Zeit, in der ich mich dafür entscheide, Maß
zu nehmen an dem, was Gott sich für mich gewünscht hat. Dafür muss ich
umdenken, eine Metanoia leben, denn die Gewohnheit und das, was ich von
anderen gelernt habe, haben Spuren hinterlassen.

Machen wir die Probe aufs Exempel: Nehmen wir uns die Bergpredigt vor, „kauen“
wir auf ihr herum, erobern wir sie uns Satz für Satz und dann merken wir schnell, wie
anders wir sonst denken – und letztendlich dann auch handeln:
Das menschliche Miteinander in allen Facetten, die Feindesliebe und der Wunsch
nach Vergeltung; ja, auch das, was Jesus uns heute, an Aschermittwoch, über
Fasten, Gebet und Almosen sagt; über die Weise, wie wir uns sorgen, wie wir über
andere richten und ob wir im Gebet wirklich vertrauen – Jesus sagt, dass nur so ein
stabiles Lebenshaus gebaut werden kann!

Fastenzeit – worum geht es da? Letztlich geht es nicht um etwas, um eine Leistung
im Weniger oder Mehr, um Fastenrekorde oder Frühjahrskur. Es geht darum, die 40
Tage auf die bestmögliche Weise zu nutzen: Als eine Zeit, Christus neu zu
entdecken, als jemanden, der so viel mehr ist, als ich mir selbst wünschen oder
ausdenken kann.
Jetzt ist die Zeit der Gnade!
Amen

Pfr. Dr. Robert Nandkisore