
Leinefelde. Von manchen Städtepartnerschaften hört man über Jahre kaum etwas. Die Verbindung zwischen Leinefelde und dem polnischen Chełmek gehört allerdings keineswegs zu den eingeschlafenen Kontakten. Auch wenn darüber kaum gesprochen wird.
Vor allem durch die Villa Lampe und den regelmäßigen Austausch junger Menschen ist daraus eine lebendige deutsch-polnische Beziehung geworden – mit einem besonderen Schwerpunkt: der gemeinsamen Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus.
Davon erfuhr kürzlich auch Ortsbürgermeister Patrick Westphalen mehr. Eigentlich begann das Gespräch mit ganz persönlichen Grüßen aus Polen. Diana Hoffmann, Sozialarbeiterin an der SBBS, fährt seit Jahren mit Jugendlichen aus Leinefelde nach Chełmek und begleitet den deutsch-polnischen Jugendaustausch. Von einem privaten Aufenthalt in Polen brachte sie Patrick Westphalen herzliche Grüße des Bürgermeisters von Chełmek mit.
Für den Ortsbürgermeister war das Anlass, genauer nachzufragen. Denn vielen Leinefeldern ist kaum bekannt, wie intensiv diese Verbindung bis heute gepflegt wird.




Die Zusammenarbeit zwischen Leinefelde und Chełmek reicht offiziell bis ins Jahr 2007 zurück. Einen wichtigen Schritt für den Jugendaustausch gab es im Oktober 2011. Damals reisten Mitarbeiter der Villa Lampe, Vertreter des Leinefelder Jugendzentrums und der Stadtverwaltung nach Polen. In Chełmek wurden konkrete Pläne für Begegnungen junger Menschen aus beiden Städten geschmiedet. Daraus entwickelte sich ein Austausch, der – abgesehen von der Corona-Zeit – bis heute regelmäßig stattfindet.
Chełmek liegt im Süden Polens, in der Woiwodschaft Kleinpolen und im Landkreis Oświęcim. Die Gemeinde befindet sich zwischen Oświęcim und Libiąż und damit unweit von Auschwitz. Genau diese geografische Nähe spielt bei vielen Begegnungen eine wichtige Rolle.
Denn die Jugendlichen fahren nicht einfach für einige Tage nach Polen, um gemeinsam Freizeit zu verbringen. Die Begegnungswochen stehen regelmäßig unter einem Thema der Erinnerungskultur. Einzelne Schicksale von Verfolgten und Überlebenden des Nationalsozialismus bilden dabei den Ausgangspunkt für Workshops, Gespräche und Besuche von Gedenkstätten.
Ein Beispiel war die Beschäftigung mit Lily Jacob, einer Überlebenden von Auschwitz, die nach der Befreiung das später weltbekannte Auschwitz-Album fand. Um solche Lebensgeschichten herum gestalten die Betreuer gemeinsam mit den Jugendlichen eine ganze Woche. Vorbereitungstreffen gehören ebenso dazu wie die Nachbereitung der Erlebnisse.
Die jungen Leute besuchen Konzentrationslager und Gedenkstätten, beschäftigen sich mit Biografien und sprechen anschließend darüber, was sie gesehen und erfahren haben. Das sei oft weit mehr als Geschichtsunterricht, berichtete Diana Hoffmann. Manche Jugendliche würden mit einem völlig anderen Blick auf die Geschichte nach Hause fahren.
Dass dieses Konzept Wirkung zeigt, erleben die Betreuer immer wieder unmittelbar. So habe ein Jugendlicher nach intensiven Gesprächen und Besuchen von Gedenkstätten erkennen müssen, dass vieles von dem, was er aus seinem familiären Umfeld kannte, mit der historischen Realität nicht übereinstimmte. Solche Momente seien bewegend und zeigten, warum diese Arbeit wichtig sei.
Dabei beschränkt sich die Auseinandersetzung mit Geschichte keineswegs auf Vorträge. Die Jugendlichen entwickeln eigene Formen der Erinnerung. So wurde beispielsweise ein Rap-Song aufgenommen. Während einer Reise nach Polen beschäftigte sich die Gruppe zudem mit einem ehemaligen KZ-Häftling, der nach seiner Gefangenschaft kaum über seine Erlebnisse sprach, sondern seine Erinnerungen in Bildern festhielt.
Aus den deutsch-polnischen Begegnungen entstand auch die Fotoausstellung „Wege der Erinnerung“. Jugendliche fotografierten während der Reisen Orte und Situationen, die sie besonders bewegten, und gaben ihren Bildern eigene Überschriften. Die Ausstellung hängt derzeit in der Villa Lampe und wurde über mehrere Begegnungsjahre hinweg erweitert. Die ursprüngliche Idee war, daraus eine Wanderausstellung zu machen. Dieser Gedanke könnte nun wieder aufgegriffen werden.
An den Begegnungen nehmen von deutscher Seite in der Regel etwa 15 Jugendliche und drei Betreuer teil. Das Interesse sei groß. Jugendliche würden inzwischen selbst nachfragen, ob sie im kommenden Jahr mitfahren könnten.
Neben allen ernsten Themen entstehen während dieser Wochen aber auch Freundschaften. Schon am ersten Abend seien Sprachbarrieren oft erstaunlich schnell verschwunden. Die polnischen Jugendlichen sprechen kaum Deutsch, die Leinefelder Jugendlichen in der Regel kein Polnisch – verständigt wird sich notfalls mit Händen und Füßen. Viele Kontakte bleiben später über soziale Medien bestehen.
Und manchmal sind es gerade die scheinbaren Nebensächlichkeiten, die den Betreuern besonders in Erinnerung bleiben. Bei einer Polenreise machte die Gruppe einen Halt an der Ostsee. Einer der mitgereisten Jugendlichen stand trotz kalten Wetters mit dünnen Stoffschuhen im Wasser und schaute lange hinaus aufs Meer. Erst später wurde klar: Er hatte zuvor noch nie das Meer gesehen. Auch solche Erlebnisse gehören zu diesem Austausch.
Für die Villa Lampe wird es jedoch zunehmend schwieriger, solche Projekte zu organisieren. Unterstützung kommt unter anderem vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk. Doch auch dort seien die finanziellen Möglichkeiten begrenzter geworden. Hinzu kommen aufwendige Förderanträge und umfangreiche Abrechnungen. Gleichzeitig fehlt es wie in vielen Bereichen der Jugendarbeit an Menschen, die solche Projekte zusätzlich begleiten können. Aufgeben will man die Verbindung deshalb aber nicht.
Im kommenden Jahr sollen Jugendliche aus Chełmek wieder nach Leinefelde kommen. Das dürfte besonders gut passen: Leinefelde begeht 2027 sein 800-jähriges Jubiläum. Im Gespräch entstand bereits die Idee, die polnischen Gäste stärker in die Feierlichkeiten einzubeziehen und ihnen auch von städtischer Seite einen eigenen Empfang zu bereiten.
Vielleicht wäre das zugleich eine gute Gelegenheit, eine Verbindung wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, von der viele Leinefelder heute kaum noch wissen.
Denn hinter dem Namen Chełmek steckt längst mehr als eine Städtefreundschaft auf dem Papier. Es sind Begegnungen junger Menschen, gemeinsame Erinnerungsarbeit und Freundschaften, die auch Jahre später noch bestehen.
Ilka Kühn

