Leinefelde. Der Andrang war groß, der Veranstaltungsraum zu klein. Stühle wurden aus dem benachbarten Kirchenpavillon geholt, und trotzdem reichte der Platz nicht aus. Das sogenannte Grüne Klassenzimmer war wohl nicht der richtige Rahmen für den Vortrag von Prof. Dr. Johannes Krause, einem gebürtigen Leinefelder, der sich längst weltweit einen Namen gemacht hat.

Prof. Dr. Johannes Krause gestern bei seinem Vortrag in Leinefelde. Foto: Ilka Kühn

Mit Tiefsinn, Humor und großem Wissen vermittelte der Professor in einem exzellenten und kurzweiligen Vortrag die Geschichte der Menschheit in nur 60 Minuten. Dabei ging es nicht nur um Knochen, Gene und alte Wanderungsbewegungen, sondern auch um die Frage, was den Menschen antreibt und wie seine Zukunft auf diesem einen Planeten aussehen kann.

Die Zuhörer waren begeistert. Wegen Platzmangel hatte sich Johannes Krause spontan entschieden, den Vortrag eine Stunde später erneut zu halten. Obwohl sein Vater an diesem Tag Geburtstag hatte und die Gäste zu Hause warteten. Man wird den Leinefelder vielleicht auch im kommenden Jahr begegnen, wenn Leinefelde 800 Jahre seines Bestehens feiert. Foto: Ilka Kühn

Prof. Dr. Johannes Krause nahm die Zuhörer zunächst mit auf eine Reise durch die genetische Geschichte Europas. Dabei zeigte er, dass in den Genen heutiger Europäer weit mehr steckt als nur persönliche Herkunft. Sie erzählen von Wanderungen, Vermischungen und großen Umbrüchen, die den Kontinent über Jahrtausende geprägt haben.

Anhand genetischer Karten erklärte er, dass die Herkunft der Menschen in Europa bis heute sichtbar ist. Werden die Genome heutiger Europäer nach ihrer Ähnlichkeit sortiert, entsteht ein Bild, das erstaunlich stark an die Landkarte Europas erinnert. Menschen mit Vorfahren aus Spanien, Portugal, Frankreich, Deutschland, Skandinavien, Italien oder Osteuropa gruppieren sich genetisch ähnlich wie auf der geografischen Karte.

Selbst natürliche Grenzen wie Alpen, Pyrenäen, Mittelmeer oder Ärmelkanal spiegeln sich in diesen genetischen Mustern wider. Johannes Krause machte damit deutlich: Landschaft, Entfernungen und geografische Barrieren haben über Jahrtausende beeinflusst, wie sich Menschen begegneten, vermischten oder voneinander getrennt entwickelten.

Besonders spannend wird diese Forschung, wenn man nicht nur heutige Menschen betrachtet, sondern alte Genome aus unterschiedlichen Zeiten untersucht. Genau das macht die moderne Archäogenetik. Aus alten Knochen können Wissenschaftler heute rekonstruieren, wie sich Bevölkerungen über Jahrtausende verändert haben.

Vor etwa 8000 Jahren lebten in Europa vor allem Jäger und Sammler. Genetisch sahen diese Menschen anders aus als heutige Europäer. Später kamen aus Anatolien frühe Ackerbauern nach Europa. Sie brachten nicht nur neue Lebensweisen mit, sondern auch Tiere, Pflanzen, Dörfer und ihre Gene. Damit wurde deutlich: Der Ackerbau breitete sich nicht nur als Idee aus. Es kamen tatsächlich Menschen nach Europa.

Diese frühen Ackerbauern vermischten sich im Laufe der Zeit mit den noch vorhandenen Jägern und Sammlern. Auch der berühmte Ötzi, der Mann aus dem Eis, trägt diese Geschichte in sich. Er lebte vor rund 5000 Jahren und hatte überwiegend Gene der frühen Ackerbauern, aber auch Anteile der älteren Jäger-und-Sammler-Bevölkerung.

Eine weitere große Veränderung kam vor etwa 5000 Jahren aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres. Mobile Viehhalter breiteten sich nach Europa aus und hinterließen starke genetische Spuren. Mit ihnen könnten auch die indoeuropäischen Sprachen nach Europa gekommen sein. Aus Jägern und Sammlern, frühen Ackerbauern aus Anatolien und Menschen aus der osteuropäischen Steppe entstand schließlich die genetische Grundlage vieler heutiger Europäer.

Prof. Dr. Johannes Krause zeigte auch, dass sich das Aussehen der Menschen im Laufe der Zeit verändert hat. Die frühen Jäger und Sammler Europas hatten vermutlich dunkle Haut, aber helle Augen. Die heute in Europa verbreitete helle Haut setzte sich erst später stärker durch. Auch Ötzi sah wahrscheinlich anders aus, als ihn viele lange im Kopf hatten: mit dunklerer Haut und wohl schon einer beginnenden Glatzenbildung.

Doch der Vortrag blieb nicht bei der europäischen Geschichte stehen. Der Professor spannte den Bogen weiter zur besonderen Natur des Menschen. Der moderne Mensch habe sich in vergleichsweise kurzer Zeit über fast die ganze Erde ausgebreitet. Er erreichte neue Kontinente, abgelegene Inseln und selbst schwer zugängliche Lebensräume. Menschen setzten sich auf einfache Boote, fuhren hinaus aufs Meer und nahmen große Risiken auf sich. Dahinter stehe eine enorme Neugier, Entdeckungslust und Anpassungsfähigkeit.

Diese Eigenschaften haben den Menschen erfolgreich gemacht. Er konnte neue Lebensweisen entwickeln, sesshaft werden, Ackerbau betreiben, Kulturen hervorbringen und sich immer wieder an neue Bedingungen anpassen. Gleichzeitig liegt darin auch eine Gefahr. Denn derselbe Drang, immer weiterzugehen, immer mehr zu erreichen und immer neue Räume zu erschließen, prägt den Menschen bis heute, betonte Johannes Krause.

Er beschrieb diesen Drang sinngemäß als ein Streben nach höher, schneller, weiter. In der Vergangenheit half diese Eigenschaft, neue Lebensräume zu besiedeln. Heute aber steht die Menschheit vor einer Grenze: Der Planet ist besiedelt. Der Mensch lebt inzwischen überall. Aus dem Weltall sind seine Spuren auf der Erde sichtbar. Dort, wo Menschen leben, leuchtet der Planet in der Nacht.

Damit stellte Prof. Dr. Johannes Krause eine entscheidende Frage: Wie geht es weiter, wenn sich die Menschheit auf der Erde nicht mehr unbegrenzt ausbreiten kann?

Kritisch äußerte er sich zu der Vorstellung, der Mensch könne eines Tages einfach andere Planeten besiedeln. Solche Ideen würden immer wieder erzählt, etwa vom Leben auf dem Mars oder anderen Himmelskörpern. Für Prof. Dr. Johannes Krause ist das jedoch keine realistische Lösung, sondern eine Utopie und Augenwischerei. Besonders deutlich kritisierte er, dass vor allem sehr reiche Menschen solche Zukunftsbilder verbreiteten und sich zugleich selbst für kurze Zeit ins Weltall schießen ließen.

Seine Gegenrede war klar: In unserem Sonnensystem gibt es keinen Planeten, den Menschen einfach besiedeln können. Der Mars ist viel zu kalt, andere Planeten sind viel zu heiß. Während die Menschheit auf der Erde bereits mit einem Temperaturanstieg von einem Grad große Probleme hat, sei es unrealistisch zu glauben, man könne andere Planeten um Dutzende oder Hunderte Grad bewohnbar machen. Auch der Blick zu anderen Sternsystemen hilft nicht weiter, denn die Entfernungen sind unvorstellbar groß.

Die Schlussfolgerung von Prof. Dr. Johannes Krause war eindeutig: Die Menschheit hat keinen Ersatzplaneten. Es gibt nur diese eine Erde.

Gerade deshalb bekam der Gedanke der Nachhaltigkeit in seinem Vortrag großes Gewicht. Wenn der Mensch nicht ausweichen kann, muss er lernen, anders mit seinem Lebensraum umzugehen. Nicht immer höher, schneller, weiter kann die Zukunft sein, sondern Verantwortung, Maß und Bewahrung.

Prof. Dr. Johannes Krause machte deutlich, dass der Mensch seine enorme Anpassungsfähigkeit nun für eine neue Aufgabe nutzen muss. Er muss nicht mehr beweisen, dass er sich ausbreiten kann. Das hat er längst getan. Jetzt muss er beweisen, dass er bewahren kann.

Dabei zeigte er sich nicht hoffnungslos. Er verwies auf positive Entwicklungen, etwa auf das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit, auf junge Menschen, die dieses Thema stärker in die Öffentlichkeit gebracht haben, und auf den weltweiten Ausbau erneuerbarer Energien. Solar- und Windkraft nähmen vielerorts zu. Das zeige, dass Veränderung möglich ist.

Doch Nachhaltigkeit allein reiche nicht aus. Für Prof. Dr. Johannes Krause gehört auch Frieden zwingend dazu. Nur wenn Menschen friedlich miteinander leben, könne nachhaltiges Handeln überhaupt gelingen. Kriege, Konflikte und nukleare Bedrohung seien deshalb ebenfalls zentrale Zukunftsfragen der Menschheit.

Am Ende stand eine klare Botschaft: Der Mensch ist ein Wesen des Aufbruchs, der Neugier und der Anpassung. Diese Eigenschaften haben ihn weit gebracht. Doch nun steht er vor einer neuen Herausforderung. Er muss lernen, mit dem einen Planeten, den er hat, verantwortungsvoll umzugehen. Denn die Erde ist nicht nur der Ursprung unserer Geschichte. Sie ist auch unsere einzige Zukunft.

Das scheinen viele zu vergessen bzw. überhaupt nicht zu verinnerlichen.

Ilka Kühn