FAZ schafft mit einem einzigen Buchstaben Bedeutungswechsel
Das Thema ist ernst, die Schlagzeile greift es jedoch süffisant auf: Seit Jahren kämpfen die Städte in den Alpen mit einem Massenandrang von Touristen, oft hervorgerufen durch selbsternannte „Influencer“, die einen Ort gesehen haben und ihn empfehlen. Das sorgt für einen Ansturm, der mit Müll und Stau daherkommt. Am 23.08.2025 überschrieb Bernd Steinle seine Kolumne in der FAZ mit „Im Frühstau zu Berge“. Die Jury der Schlagzeile des Jahres würdigte das Wortspiel mit dem zusätzlichen Buchstaben mit dem Titel der „Schlagzeile des Jahres“.
„Das ernste Thema des Naturschutzes kommt mal nicht direkt mit dem erhobenen Zeigefinger daher, sondern lockt die Leser mit einem charmanten Wortspiel, das zum Weiterlesen anregt“, freut sich Prof. Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache (VDS) über Platz 1 auf dem Treppchen. Die Anspielung auf das Volkslied „Im Frühtau zu Berge“ treffe außerdem bei Jung und Alt ins Herz, so Krämer: „Das Lied ist durch alle Altersgruppen hinweg bekannt, die Verbindung zur Musik sofort vorhanden. Die Erweiterung durch den kleinen Buchstaben ‚s‘ gibt dem fröhlichen Lied dabei den nötigen Faktor, der einen zum Nachdenken bringt.“
Platz 2 belegt „Finanzämter haben das Faxen dicke“ (Hannoversche Allgemeine Zeitung, 2.7.2025). Der Artikel beschreibt das Aus der Faxgeräte in den Finanzämtern, da sie als nicht mehr zeitgemäß für die bürgernahe Kommunikation angesehen werden.
Auf dem 3. Platz landet „Vatikan mit Latein am Ende“ (Bild-Zeitung, 25.11.2025). Die Schlagzeile greift den Spruch „Ich bin mit meinem Latein am Ende“ auf, der einen in einer Situation ratlos und ohne Alternativen zurücklässt. Gerade mit Blick auf den Vatikan, dem letzten Staat, in dem Latein als Amtssprache galt, gewinnt die Schlagzeile an Doppeldeutigkeit.
„Die Schlagzeilen auf dem Treppchen sind hervorragende Beispiele dafür, dass auch in Zeiten von Internet und sozialen Medien eine Zeitungs-Überschrift uns immer noch fesseln kann“, sagt Krämer, „auch komplizierte Themen, die man sonst vielleicht auslassen würde, werden plötzlich interessant, wenn die Überschrift ungewöhnlich oder überraschend aufgebaut ist.“
Der VDS wählt seit 2010 die Schlagzeile des Jahres, der erste Sieger war die Zeit mit „Krieger, denk mal!“ Die aktuelle Jury besteht aus dem Schriftsteller Harald Martenstein, dem Sprachwissenschaftler Horst Haider Munske, der Germanistin Stephanie Zabel und dem VDS-Vorsitzenden Walter Krämer. Die Liste der TOP 20 gibt es hier.

